Макс Петях записує інтерв'ю з зірками не лише українською, а й німецькою. Ось — одне з таких інтерв'ю. Якщо не знаєте німецької — як наша редакція, наприклад — незабаром буде і переклад українською.

NADIIA TELENCHUK: “DAS LEBEN IST WIE EIN GEFLECHT, IN DEM WICHTIGE EREIGNISSE MITEINANDER VERFLOCHTEN SIND”

(Exklusives Interview)

✒️- Welche Themen findest du beim Schreiben am schwierigsten und warum?

Ich habe sehr früh angefangen, Gedichte zu schreiben. Die erste Strophe kam bereits mit 8. Und als meine Familie über meine Vorliebe für Reime erfuhr, wollten sie, dass ich ein Gedicht über jeden zu jedem Feiertag schreibe. Aber ich konnte das nicht - und kann es immer noch nicht - nach Wunsch oder unter Druck zu schreiben. Dichten ist kein logischer Denkprozess mit Vorgaben, wo man sich ein Gedicht vornimmt und es dann genauso umsetzt. So geht das nicht. Zumindest nicht bei mir. Ein Gedicht ist eine Emotion, die man mit jeder Hautzelle erlebt und die dann auf ein Blatt Papier fließt. Entweder kommt sie oder nicht - die Inspiration.

✒️- Du bist im Cherson Gebiet in der Ukraine geboren. An welche Ereignisse aus deiner Kindheit erinnerst du dich am häufigsten?

Mein Vater ist Landwirt, bevor ich zur Schule ging, bin ich auf dem Land aufgewachsen, deswegen liegen mir die endlosen Steppen von Cherson besonders nah am Herzen. Sommer, Sonne, Hitze. Die leckeren Scheiben einer Wassermelone mit meiner Oma draußen im Schatten. Das liebe Schwarze Meer, obwohl ich immer noch nicht schwimmen kann. Unser Stadtpark mit alten Fahrgeschäften und dem Riesenrad. Das Dickicht vom Fluss Dnipro. All dies ist in meiner Erinnerung und in meinem Herzen, dazu komme ich immer wieder gern zurück.

✒️- Als du ein Kind warst, was wolltest du werden?

Oh, ich habe eine ganze Liste von Berufen, mit denen es bei mir nicht geklappt hat: Model, Kinderarzt, Innenarchitekt… Meine Oma hat mir vom Modeling abgeraten, der langweilige Biologieunterricht in der Schule stand im Weg meiner Arztkarriere und die Kunstschule habe ich selber aufgegeben. Erst später ist mir klar geworden, dass ich Marketing Kommunikation bevorzuge.

✒️- Bist du gern zur Schule gegangen? Welche Noten hattest du?

Alles war sehr typisch: ausgezeichnete Noten, Wissens-Olympiaden und Wettbewerbe und so weiter. Aber die Schule an sich mochte ich nicht (abgesehen von ein paar guten Lehrerinnen): Unterricht, ständige Hausaufgaben, alles musste man auswendig lernen. Und meine Erinnerung kann schon eine-zwei Lücken nachweisen. Ach, und mit Mathe hat es nie wirklich geklappt. Aber Sprachen, Länderstudien, Literatur, Kultur und Kunst haben mir immer gefallen.

✒️- War deine erste Liebe gegenseitig?

12 Jahre alt, erste Liebe mit einem Jungen aus meiner Stufe, süße Notizen, SMS mit dem ersten Handy, ständige Telefonate abends. Ich weiß nicht, wie meine Eltern überhaupt jemanden kontaktiert haben, wenn wir beide immer “an der Leitung” hingen. Ich glaube immer noch, dass diese Gefühle pur waren. Und mit 12 begann bei mir auch tiefere Poesie. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber einige Leute haben sich gewundert, wie man in solchem Alter so schreiben kann.

✒️- Wo hast du nach der Schule studiert? War das eine bewusste Entscheidung?

Nach der 10. Klasse hatte ich die Möglichkeit, ein Austauschjahr in den USA zu machen. Da habe ich bei einer Gastfamilie gelebt und bin in die Schule gegangen. Eigentlich nichts Besonderes, aber dieses Jahr öffnete meine Augen für die Welt und weckte mein Interesse an mehr. Plötzlich wollte ich wissen: wie ist das Leben an anderen Orten? Danach kam ich zurück nach Cherson, habe nach einem Jahr die Schule absolviert und wollte für mein Studium nach Kyjiw. Diese Stadt hat mich durch ihre Vielfalt und Größe angezogen. Und die U-Bahn. Die Wahl der Universität war bewusst und ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir diese Entscheidung überlassen und mich dabei unterstützt haben. Ich habe mich am Ende für die Kyjiwer Nationale Wirtschaftsuniversität (KNWU) entschieden.

✒️- Und wie bist du in Deutschland gelandet?

Diese Neugier nach meinem Auslandsjahr wurde während meines Studiums noch deutlicher, als ein Freund von mir mich zur internationalen Organisation “Europäisches Jugendparlament” eingeladen hat. Da fing das echte Studentenleben an - mit Konferenzen in verschiedenen Städten und Ländern Europas. Da wurde ich auch für eine internationale Sitzung in München und später in Essen ausgewählt. So habe ich etwas von Deutschland gesehen, was mein Interessen geweckt hat. Die wichtige Rolle hat dabei auch Deutsch gespielt, das ich bereits seit Schulzeiten als zweite Fremdsprache gelernt habe. Gegen Ende meines Bachelor-Studiums in Kyjiw habe ich mich für ein DAAD-Stipendium beworben, um meinen Master-Abschluss in Deutschland zu absolvieren. Das Stipendium habe ich nicht bekommen, aber alle Unterlagen waren bereits fertig und ich entschloss mich, mich direkt für kostenfreie Studiengänge in Deutschland zu bewerben.

✒️- Wann wurde es dir klar, dass du das beruflich machen möchtest, was du gerade machst?

Auch hier kam alles zusammen: während meines Studiums in Berlin habe ich ein Praktikum bei dem Unternehmen absolviert, das mir nach meinem Abschluss einen Job angeboten hatte. Kommunikation war in meinem Herzen schon seit Kyjiw, seit den “EJP” Konferenzen. Deshalb habe ich auch versucht, meine Weiterbildung dem Marketing näher zu fokussieren.

✒️- Und wo ist dann die Poesie?

Sie ist immer und überall. Sie kommt vor allem. Und ich habe sie absichtlich nicht zu meinem Beruf gemacht, weil ich meine Seele frei sprechen lassen wollte.

✒️- Gibt es Menschen, die dein Leben besonders beeinflusst haben?

Natürlich. Vorerst sind das meine Eltern und meine Oma. Die Englisch Nachhilfelehrerin zur Schulzeit und die Deutschlehrerin an der KNWU. Die Kunstlehrerin in den USA. Ein berühmter moderner Dichter in der Ukraine, der mir im Alter von 10 Jahren gesagt hat: “Es wäre besser, wenn du nicht schreiben würdest.” Beste Freunde. Viele Leute eigentlich. Ich glaube, dass ich auf irgendeine Weise durch jeden beeinflusst wurde, der meinen Geist, meine Seele oder meinen Körper berührt hat. Darüber habe ich auch ein Gedicht verfasst…

*

I’m an imprint of those who’ve been passing me by and through,

All of those who’ve touched and got burnt or instead got on fire.

I am just a collection containing each scar, wound and bruise

From the people whose limit of living in me has expired.

Looking deep into me, try to hear the music of strings

That are holding together my whole inner world full of stitches.

And no one can be stopped – neither beggars, nor masters or kings –

All are proud of traces and scars as of countless riches…

(Auszug, Übersetzung aus dem Ukrainischen von Nadiia Telenchuk)

✒️- Hat das Gedicht einen Titel?

Die meisten meiner Gedichte haben keinen Titel. Ich kenne manche Dichter, die davon überzeugt sind, dass jedes Gedicht unbedingt einen Titel tragen muss. Aber ich denke, dass die Zeilen für sich selbst sprechen sollen, dass man den Sinn eines Gedichts nicht auf ein oder zwei Wörter beschränken kann. Gedichte sind tief und müssen nicht in einen Titel reinpassen. Und im Inhaltsverzeichnis meiner Bücher stehen sie dann jeweils nach der ersten Zeile.

✒️- Was sind die wichtigsten Traditionen deiner Familie?

Wann immer wir die Gelegenheit hatten, haben wir zusammen zu Abend gegessen. Und ich glaube, das ist sehr wichtig. So kann man miteinander sprechen und an den Tag zurückdenken. Ich werde mich in Zukunft definitiv daran halten - dazu auch keine Gadgets. Zu Ostern hat meine Mutter immer das beste Osterbrot der Welt gebacken; mein Vater und ich packten dann am Samstagabend den Osterkorb, bedeckten ihn mit einem bestickten Tuch und gingen in die Kirche, um ihn einzuweihen. Zu Weihnachten waren wir immer bei meinen Großeltern zu Besuch, sie haben eine leckere Ente mit Äpfeln gebacken… Es stellt sich heraus, dass viele Traditionen und Erinnerungen bei mir mit Essen verbunden sind. Aber ich denke nicht, dass es schlecht ist - ganz im Gegenteil. Essen bringt Leute zusammen und kann ein wichtiges Ritual sein.

✒️- Wie war das letzte Jahr für dich?

Hmm ... Ich denke, dass Kreativität im Leben sehr wichtig ist. Für jeden. Und das haben wir besonders im letzten Jahr gespürt. Ich Deutschland gab es zwei Lockdowns: 2 und 4 Monate. Und der zweite ist im März 2021 immer noch da. Alles ist zu: Geschäfte, Restaurants, Bars, Kinos, Theater, Museen - alles was nicht als lebensnotwendig eingestuft wurde. Wir waren auf einmal mit uns selbst eingesperrt, vielleicht konnten wir uns besser verstehen. Aber der Mangel an kulturellen Veranstaltungen ist stark zu spüren, sie fehlen so sehr, dass man denkt, verrückt zu werden. Und Kreativität hilft dann immer. Daher hoffe ich, dass wir nach der Pandemie weiterhin die Kunst und Kreativität in der Welt sowie in uns selbst zu schätzen wissen werden.

✒️- Wann hast du zum letzten Mal geweint und warum?

Am letzten Abend vor dem Lockdown im November haben meine Freundin und ich ein Benefizkonzert in Berlin veranstaltet. Das Konzert war zur Unterstützung von einem coolen, freiwilligen Projekt, das wir hier durchführen. Das war nicht unser erster Auftritt: meine Freundin spielt wunderbar Geige und ich trage Gedichte vor. Als das Konzert zu Ende war, als es Applaus gab, als der ganze Raum in der Bar voller Lächeln, Freunde und Fremden war, die die Kunst vereint hat - dann kamen mir Tränen in die Augen.

✒️- Was ist das für ein Freiwilligenprojekt?

Das Projekt heißt “MUSIK RETTET”. Das sind kreative Sommercamps mit Rehabilitationszweck für die Kinder aus dem Kriegsgebiet im Osten der Ukraine, die Berliner Freiwillige seit 2016 organisieren. Wir halten verschieden coole Workshops für Kinder: Musik, Tanzen, Malen, Poesie… Das Programm ist sehr umfangreich. Dieses Projekt lebt von der Begeisterung der Freiwilligen und den Spenden. Letztes Jahr war es natürlich nicht möglich, das Camp wie gewohnt durchzuführen, aber wir haben es online versucht. Was soll ich sagen, da haben wir alle viele Erfahrungen gesammelt.

✒️- Welches Ereignis hältst du für das wichtigste allgemein?

Ich denke nicht, dass man eine bestimmte Sache herausstellen könnte. Das Leben ist vielmehr wie ein Geflecht, in dem Schlüsselereignisse miteinander verflochten sind. Oder wie ein Labyrinth, in dem man ab und zu an einem Scheideweg steht und Entscheidungen trifft, die den zukünftigen Weg bestimmen.

✒️- 2019 wurde dein viertes Gedichtband “Breathe” veröffentlicht. Dort sind Gedichte in drei Sprachen präsentiert (Ukrainisch, Russisch, Englisch). Warum sind keine auf Deutsch da?

Ehrlich gesagt schreibe ich nicht so oft auf Deutsch. Ich spreche jeden Tag zu Hause und auf Arbeit Deutsch, meine Träume sind sogar manchmal auf Deutsch, aber Gedichte kommen in dieser Sprache selten. Dies kann sich jedoch im Laufe der Zeit ändern. Inspiration ist so unvorhersehbar. Vor einem Jahr hatte ich eine gute Gelegenheit zu üben als ich das Poem “Der Sieg der Liebe” von Wasyl Sahorodnjuk ins Deutsche übersetzt habe.

✒️- Du malst auch ganz gut. Erzähle uns von dieser Seite deiner Kreativität.

Danke für das Kompliment. Eigentlich habe ich mich nie als Malerin betrachtet (mit der Kunstschule hast es nicht geklappt). Die Zeichnungen und Skizzen sind eher eine andere Art, die Gefühle und den Moment auszudrücken, in dem mir Worte fehlen. Ich habe einiges ausprobiert: Bleistifte, Farben, Tinte, Tablet, Wände. Und es ist beruhigend. Ich mache auch gern kleine Skizzen auf Reisen.

✒️- Hast du auch dein Gedichtband selber illustriert, über den wir gesprochen haben?

Ja, alle vier Bücher haben mein eigenes Design. Außerdem bin ich froh, dass ich die Cherson-Dichter vom Verband “Poetry Cabinett” das zweite Jahr in Folge mit meinem Cover-Design für ihr Buch unterstützen durfte.

✒️- Hast du vor, in die Ukraine zurückzukehren?

Früher dachte ich, dass ich zurückkehren werde; damals habe ich hier noch studiert und es gab noch keine klare Zukunft. Jetzt ist mein Leben hier, also werde ich eine Weile in Berlin bleiben. Und dann werden wir sehen. Aber ich fühle mich der Ukraine immer noch verbunden, deshalb geben ich mir immer Mühe, diese Verbindung aufrechtzuerhalten.

Gespräch geführt durch Maksym Petjach

Gedichte und Kunst von Nadiia Telenchuk werden auf Facebook unter dem Künstlernamen Nadiiia veröffentlicht: www.fb.com/nadiiia.art

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